da Die Welt am Sonntag n. 85 del 15 Ottobre 2006
Der „Orden der Wächter der neun Pforten“ hat sich ganz dem männlich ausgelebten Luxus verschrieben. Vergangene Woche traf er sich, um über Eleganz, Luxus und Lasagne zu philosophieren. Von Max Dax
Hüter des perfekten Stils
 
Der Begriff Luxus definiert heute nicht mehr einen Zustand, sondern er ist zu einer Worthülse verkommen. Luxus wird heute gleichgesetzt mit Besitz. Dabei bedeutet Luxus, von allen unnötigen Tätigkeiten befreit zu sein.“ Giancarlo Maresca, 49, sitzt tief versunken in einem alten italienischen Ohrensessel und referiert regungslos über die Suche nach der verlorenen Zeit. Eine Zigarre in der linken Hand, einen Aperitif auf Dom-Perignon-Basis in Reichweite seiner rechten. Maresca ist Freimaurer aus Neapel, er ist zu Gast im mit Gemälden italienischer Futuristen geschmückten Wohnzimmer seines Freimaurerbruders Franco Forni in Bologna. Vor neun Jahren hat der Jurist Maresca mit drei Dutzend Gleichgesinnten den „Cavalleresco Ordine dei Guardiani delle Nove Porte“ ins Leben gerufen, den „Ritterorden der Wächter der neun Pforten“.
Die von Freimaurern durchsetzte Loge hat es sich zum erklärten Ziel gesetzt, dem Mann und seiner Männlichkeit in einer von Frauen und der Emanzipation dominierten Welt wieder zu innerem Frieden, äußerem Stil und maskulinem Spaß zu verhelfen: „Zu rauchen, zu trinken, zu spielen, in den Krieg zu ziehen oder auf die Jagd zu gehen“, sagt Maresca, sei „heutzutage gesellschaftlich verpönt. Diese Schieflage zu korrigieren ist unsere heilige Aufgabe.“ Binnen weniger Jahre wuchs die Organisation, die nach dem Vorbild alter Geheimbünde organisiert ist, auf heute knapp über 300 Mitglieder an. Wie bei den Freimaurern gibt es keine Standesvorgaben. Wer Mitglied des selbst für italienische Verhältnisse exklusiven Genießerklubs werden will, muss männlichen Geschlechts sein und die Maßgaben des Cavalleresco Ordine bereits vor Eintritt verinnerlicht haben. Geht eine formlose Bewerbung beim Orden ein, entscheiden entweder Maresca, seines Zeichens der „Gran Maestro“ der Loge, oder einer der zahlreichen Provinzfürsten, die sogenannten Präfekten, über Aufnahme oder Ablehnung. „Wir Ritter erkennen einander“, stellt Giancarlo Maresca fest, der für den angenehmen Abgang im Gaumen stets ein Mundspray mit 26-jährigem Rum aus Guadeloupe bei sich trägt: „Im Cavalleresco Ordine finden sich Gleichgesinnte, die einander lange gesucht haben.“ Die erlernten Berufe der nach Grandezza schmachtenden Ritter spielen im Orden nur eine unbedeutende Rolle, auch wenn auffällt, dass Bankiers, Anwälte und Exzentriker den Großteil der Bruderschaft ausmachen. Der Werksarzt von Ferrari ist ebenso ein Cavaliere wie der Krawattenfabrikant Marinella aus Neapel, der stolz darauf ist, Bill Clinton zu seinen Kunden zu zählen. Entscheidend, so Maresca, sei „die Bekenntnis zur Wahrung der männlichen Eleganz, wie sie in der Geschichte von Männern wie dem ‚Leoparden‘ Giuseppe Tomasi di Lampedusas oder Ian Flemings Romanfigur James Bond vorgelebt wurde.“ Vergangenes Wochenende traf sich der Cavalleresco Ordine auf Einladung des Präfekten Sante Speranza, 50, um in der norditalienischen Stadt Bologna eine „Adonanza“ zu begehen. Eine feierliche Zusammenkunft – bei der die Geschmackshüter einen Abend lang an opulent eingedeckten Zehnertischen speisen. Dabei führen sich die Ritter ihre liebevoll auf hauchdünnes Zedernholz gedruckten Visitenkarten vor oder präsentieren einen neu erworbenen Gehstock, dessen Handgriff ein lautlos ausziehbares Teleskop mit Jena- Optik verbirgt. Am Abend vor der Adonanza erklärt Speranza: „Die Kultur, die wir Ritter pflegen, ist eine im Kern einfache Kultur: Wir zelebrieren die hohe Kunst des Schlichten.“ Bei roher Störleber, Thunfisch-Carpaccio und einem biologisch angebauten, slowenischen Weißwein erzählt er weiter: „Wie schon Oscar Wilde in seinen Aphorismen feststellte, haben wir einen sehr einfachen Geschmack – wir akzeptieren von allem nur das Beste.“ Diese vermeintliche Bescheidenheit des Cavalleresco Ordine relativiert sich am darauffolgenden Abend durch die Wahl des Versammlungsortes wie auch der hochwertigen Weinauswahl. Das Treffen findet in den weitläufigen Hallenfluchten des Palazzo dei Conti Isolani statt. Einem imposanten Adelspalast aus dem 16. Jahrhundert, mit hohen Decken und riesigen Ölbildern an jeder Wand. Weiß uniformierte Kellner mit Handschuhen und goldenen Manschetten servieren den Rittern, die für den Eintritt 90 Euro in bar berappen mussten, Unmengen an Champagner der Marke Billecart-Salmon. „Denn Champagner ist nun einmal das einzige Getränk, das für einen Ritter wirklich angemessen ist,“ sagt Speranza Herzstück des Drei-Gänge- Abendessens ist die Lasagne à la Bolognese – ein tatsächlich einfaches, wenngleich zeitaufwendiges Bauernmahl. Um gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, hält Franco Forni, der stets ein ebenso klitzekleines wie federleichtes, mit Zigarren und Streichhölzern gefülltes Lederköfferchen bei sich trägt, vor dem ersten Gang einen langatmigen und geradezu surrealen Vortrag über das wahre Wesen des Teigauflaufs: „Die wahre Lasagne aus Bologna“, sagt der Freimaurer inbrünstig, „ist ein schlichtes Mahl, dessen traditionelles Rezept die einfachen Leute über Jahrhunderte gewahrt haben. Erst der amerikanische Schlankheitswahn und die damit einhergehende Verwässerung unserer Traditionen durch Ignoranten verbannten die echte Lasagne von unseren Speisekarten!“ Nach jeder spitzen Bemerkung Fornis über die Unkultur der Amerikaner („die Unwissenden predigen die Light-Kultur – wir hingegen, meine Herren Ritter, wir wissen heavy zu schätzen!“) gibt es Szenenapplaus der ausnahmslos in Anzug und mehrheitlich mit Ordenskrawatte erschienenen Ritterschar. Laut wird geklatscht, als der einzige deutsche Ritter, der Hamburger Musikverleger Peter Cadera, als Repräsentant eines Staates gelobt wird, in dem das Rauchen in Restaurants noch erlaubt ist. Wie um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, sind in jedem der Speisesäle gut sichtbare Schilder angebracht, die das Rauchen ausdrücklich verbieten. Tatsächlich jedoch hält sich nach dem Verzehr des mit Rum getränkten „Ritterkuchens“ keiner an das Verbot: Binnen Minuten färbt sich die Luft dank Dutzender Monte Cristos bläulich. Geahndet wird das Vergehen selbstredend nicht: Der Renaissance- Palazzo wurde von einem Ordensbruder vermittelt. Das Motto des Cavalleresco Ordine lautet „numquam servavi“, was frei übersetzt so viel wie „stets zu Dienen bereit“ bedeutet. Die Mitglieder des Ordens haben Zugang zu einem Telefonbuch, in welchem die Kontaktdaten aller Gunstschieber verzeichnet sind. Ein italienreisender Gentleman kann in den Hinterzimmern exklusiver Herrenausstatter wie Halston in Neapel oder der Maßschuhmacherei Peron & Peron in Bologna einchecken und dort Momente voll Männlichkeit und Ruhe erleben. Wie ernst die Ritter das Organigramm ihres Ordens nehmen, zeigt das Beispiel Simone Perons, Sohn des Schuhmachermeisters Bruno Peron. Dieser baut zur Zeit ein Zimmer über seiner Werkstatt zu einem diskreten Klubraum um, für „Mitglieder und Staatsoberhäupter“ wie Peron anmerkt. Ausgestattet mit Schnapsbar, knarrenden Chesterfield-Sofas und einem Fußbodenbezug aus Cordobanleder. Leisten kann er es sich: Ein Paar Herrenschuhe aus seiner Manufaktur kostet mindestens 1200 Euro. „Luxus bedeutet, dass man sich den Dingen mit Aufmerksamkeit widmet, sie in ihrer Tiefe ergründet – deshalb haben wir auch so viele Handwerksmeister in unseren Reihen, die sich den Dingen wirklich ergeben“, sinniert Giancarlo Maresca spät in der Nacht über den übermenschlichen Auftrag seines Ritterordens. Mit der Zigarre in der Hand steht Maresca unter dem Ölbildnis eines vor Jahrhunderten verstorbenen Papstes. Dann blitzen seine Augen auf, als habe er die silberne Formulierung gefunden, die mehr wert ist als jedes goldene Schweigen: „Luxus fordert von seinen Herren Selbstbeherrschung, unbedingte Selbstbeherrschung. Wir müssen den Orden wie eine Akademie betrachten, die das Erreichte diskutiert und konserviert. Darüber hinaus müssen wir schweigen. Denn spätestens wenn man das Bedürfnis verspürt, über etwas zu reden, wird es weltlich.“ Für einen Ritter eine furchtbare Vorstellung.
Von Aufklärern und Rittern
Erhebung in den Meisterstand der Freimaurer (18. Jahrhundert)DIE FREIMAURER
Der Begriff Freimaurer, bezeichnete im Mittelalter einen Zusammenschluss der Steinbildhauer. Die Mitglieder diskutierten über die Strömungen der Aufklärung – Stillschweigen darüber war Pflicht. Bis heute ist nur wenig über das Wirken der Freimaurerlogen bekannt, die weltweit geschätzte 4,5 Millionen Mitglieder haben sollen. In Italien sind die Freimaurer seit Jahrhunderten fest in der Gesellschaft verankert, sie gehörten zu den stärksten Kritikern von Mussolinis faschistischer Bewegung.
Gründer Giancarlo MarescaMARESCAS RITTER
Der von Giancarlo Maresca 1997 gegründete „Cavalleresco Ordine dei Guardiani delle Nove Porte“ ähnelt in Auftreten und Aufbau einem Geheimbund, allerdings begrüßt man hier den bisweilen exzentrischen Individualismus der Mitglieder – und verzichtet auf Freimaurer-Rituale zugunsten einer offen ausgelebten hedonistischen Natur.
Giancarlo Maresca (l.) ist Gründer und „Gran Maestro“ des italienischen Ritterordens.
Sein Vortrag über Lasagne wurde von den Mitbrüdern mit dem erforderlichen Ernst verfolgt